“Die Saat des Hasses”
Zum 65. Jahrestag der Bombardierung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg sind am 16. Januar rund 800 Neonazis durch die Elbstadt marschiert.
Es sind vor allem junge männliche Neonazis, die sich am Samstagvormittag am Magdeburger Hauptbahnhof sammeln. Mit jedem ankommenden Zug erhöht sich die Teilnehmerzahl, innerhalb von zwei Stunden wächst die Auftaktkundgebung der extrem-revisionistischen „Initiative gegen das Vergessen“ auf rund 800 Personen an. Die meisten tragen Schwarz, einige haben Fahnen und Transparente dabei. Unter dem Motto „Ehrenhaftes Gedenken, statt Anpassung an den Zeitgeist“ setzt sich der so genannte „Trauermarsch“ kurz nach 13:00 Uhr in Bewegung. Dominiert wird die Demonstration von Rechtsextremisten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, sie tragen Transparente mit Aufschriften wie „Im Gedenken an die Bombenholocaust-Opfer“ oder „Verbrannt Vernichtet Ausradiert − Eure ‚Freiheit’kam durch Mord“.
Während des knapp dreistündigen Aufmarsches halten die bekannten Magdeburger Neonazis Andy Knape und Andreas Biere sowie Gesinnungskameraden aus Bad Nenndorf und Dresden verschiedene Redebeiträge. Als Ordner sind zum Teil einschlägig bekannte Szene-Aktivisten, wie der hafterfahrene Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Havel-Nuthe (Brandenburg) Michel Müller, tätig.
Steigende Resonanz in der Neonazi-Szene
An der steigenden Teilnehmerzahl des Aufmarsches lässt sich die Bedeutung des Themas für die bundesweite Neonazi-Szene ablesen. Waren es 1998 nur eine Handvoll Neonazis, die ihre Kränze auf dem Friedhof ablegten, steigerte sich ihre Zahl bis heute in den fast vierstelligen Bereich.
Das eigentliche Ziel der Neonazis ist seit jeher der Magdeburger Westfriedhof, auf dem sich die Gedenkstätte für die Opfer des Luftangriffs vom 16. Januar 1945 befindet. Erst durch eine Änderung der Friedhofssatzung im Jahr 2006 konnte das Treiben der „Initiative gegen das Vergessen“ auf dem Friedhof gestoppt werden. Bis dahin kam es zu erschreckenden Szenen auf dem Friedhof: Hunderte Neonazis standen in Reih und Glied um die Gedenkstätte und betrieben einen Ahnen- und Opferkult, der in seiner Ästhetik an nationalsozialistische Rituale erinnerte.
Schulterschluss mit dem Aufmarsch in Dresden
Der in Magdeburg stattfindende „Gedenkmarsch“ reiht sich in neonazistische Instrumentalisierungsversuche ein, die alliierten Luftangriffe auf deutschte Städte während des Zweiten Weltkriegs losgelöst von ihren Ursachen zu betrachten. Den Alliierten wird eine allgemeine „Kriegslust“ unterstellt, deren einziges Ziel „menschliche Verluste“ und die Zerstörung deutscher Städte gewesen sei.
Daher verwundert es auch nicht, dass die Organisatoren des Magdeburger Aufmarsches eine gemeinsame Internetseite mit dem „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ aus Dresden betreiben, wo jährlich der größte Aufmarsch der europäischen Neonazi-Szene stattfindet. Auch wird der Schulterschluss mit dem „Gedenkbündnis Bad Nenndorf“ gesucht, um gemeinsam an einer Revision der wahren geschichtlichen Hintergründe der alliierten Intervention gegen das Dritte Reich zu arbeiten. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) brachte es am vergangenen Samstag auf den Punkt: „Die Neonazis, die heute vorgeben, um die bei diesen Luftangriffen getöteten Deutschen zu trauern, tragen die Saat des Hasses gegen andere Völker und gegen Andersdenkende fort.“ Daher laute die Losung: „Nie wieder Faschismus. Nie wieder Fremdenhass. Nie wieder Krieg“
„Menschenkette für Demokratie“
Bereits zum zweiten Mal organisierten die Stadt, das lokale „Bündnis gegen Rechts“ und über 100 Vereine eine „Meile der Demokratie“ mit verschiedenen Bühnen und Aktionen, an denen sich wie im Vorjahr rund 5000 Magdeburgerinnen und Magdeburger beteiligten. Höhepunkt des Tages war eine 1,5 km lange Menschenkette, die ein symbolisches „Band der Demokratie“ bildete.



